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Münchner Neueste Nachrichten, 5. Juli 1897

Anzeige May in München 5.7.1897
Die Anzeige wurde vermutlich von May selbst aufgegeben.

Herr Dr. Karl May

(Old Shatterhand)

der berühmte Weltreisende und Schriftsteller ist hier Hôtel Trefler abgestiegen und auf unsere Bitte dort, aber nur nach vorheriger Anmeldung per Postkarte, *152'595

Montag Nachmittag 3 bis 6 Uhr,

für seine Leserinnen und Leser zu sprechen.

Mehrere seiner Verehrer.
Bayerischer Kurier und Münchner Fremdenblatt, 6. Juli 1897

Bayerischer Kurier vom 6.7.1897 Faksimile
Der konservativ-katholische ›Bayerische Kurier‹ erschien von 1856 bis 1934.

Karl May in München.

Am Montag [= 5. Juli] Nachmittags versammelte sich von 3 Uhr ab eine große, im Ganzen mehrere Hundert Personen zählende Menge von Verehrern des rasch zur Berühmtheit emporgestiegenen Weltreisenden und Schriftstellers Dr. Karl May im Speisesaal des Hotels Trefler, um dem beliebten Reiseroman-Schriftsteller von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten, um ihm ihre Huldigung darzubringen. Nicht etwa blos die studierende Jugend, nein, sondern viele gereifte Männer und auch zahlreiche Damen waren im Auditorium zu bemerken. Dr. May, der bekanntlich alle 5 Welttheile bereist und nun seine Reisen in einem Stile beschrieben hat, der Wahrheit und Dichtung in anmuthender, packender Form vereint, schilderte Nachmittags in ausführlicher Weise einzelne Episoden aus seinen Reisen, verlas chinesische Texte und stand Rede und Antwort auf alle Fragen, die man aus dem Kreise der Zuhörer an ihn stellte. Gegen halb 8 Uhr Abends fand die erste Audienz ihr Ende. Von 8 Uhr Abends ab sammelte sich, wiederum im Speisesaale, ein aus Männern gereifteren Alters zusammengesetztes Auditorium, um theils Aufschlüsse des gefeierten Schriftstellers über seine Lebensgewohnheiten, seine Art zu reisen, die Qualität seiner Waffen etc. entgegenzunehmen, theils selbst dem Schriftsteller Anekdoten und Schilderungen von der Wirkung seiner Schriften zur Kenntniß zu bringen. So erzählte Karl May seinen lauschenden Verehrern, er empfange täglich 40 bis 60 Briefe mit allen möglichen Anliegen. Eine Frau habe ihm ein Pfändungsprotokoll in Höhe von 600 fl. ö.W. zur Auslösung geschickt; eine andere ihm dagegen ihre gesammten Ersparnisse, bestehend in einem alten österreichischen Guldenzettel mit der Bitte um seine Photographie zugesandt. Bezüglich seiner Lebensgewohnheiten theilte Redner mit, er sei gewöhnt, Nachts um 1 Uhr zu Abends zu speisen, da er auf seinen Reisen stets, bevor er einen Platz für das Nachtlager wähle, sich gewöhnt habe, dessen Umgebung in weitem Umkreise zu durchforschen und erst dann zu Abend zu essen. Drollige Ankedoten erzählte der beliebte Romancier von den verschiedenen Versuchen seiner Verehrer, Locken von seinem – borstigen, starken Kopfhaar zu erhalten. Auch von seinen Reisen, sowohl den bereits gemachten als den noch geplanten (2) Reisen gab Redner Manches zum Besten. So theilte er mit, er werde heuer im Herbste von Dresden aus seine 22. Reise und zwar nach Nordamerika antreten, das Grab seines treuen Waffengenossen und ehemaligen Feindes Winitou besuchen und dann seine wunderbare Henry-Repetirbüchse, mit der er nach seiner Versicherung 100 Schüsse per Minute abzugeben vermag, ohne daß der Lauf heiß wird, dem deutschen Kaiser für Militärzwecke zur Verfügung zu stellen. Von dem verstorbenen Erfinder Henry geht bekanntlich die Sage, er habe seine Erfindung, die übrigens einfach sein soll wie das Ei des Columbus, deßhalb nicht ausgeführt, weil sie alle Kultur vernichten würde. Nur an Karl May soll er sein Geheimniß mitgetheilt und gemeinsam mit demselben an der Vervollkommnung seiner Erfindung gearbeitet haben. Die Sache klingt etwas geheimnißvoll. Das Gewehr soll nämlich zwei Läufe, übereinander gezogen, wie dies bei Kanonenläufen der Fall ist, zeigen und zwischen beiden Läufen soll sich ein Wärme absorbirendes Füllmaterial befinden. Das Kaliber der Geschosse soll so klein sein, daß Karl May in seinem Patronengürtel 1728 Patronen (!) mit sich zu führen vermag. – In entrüsteten Worten äußerte sich Redner über die Art und Weise, wie die europäischen Kulturvölker bei den sogenannten »wilden« Völkern zuerst mit dem Kreuz, dann mit Kanonen, mit Blattern, Syphilis und Schnaps sich einführen, und schilderte ausführlich das Verhalten der Amerikaner gegen diejenigen Indianerstämme, in deren Reservation etwa eine Goldader oder ein Kohlenlager gefunden wird: sie drängen sie ohne Weiteres hinaus, Widerstandleistende schießen sie nieder! Den Apachen (Apachen-Indianer), die deshalb Kriegsgedanken gegen die Union hegen, will Redner auf seiner nächsten Reise davon abrathen, mit einem solchen Gegner anzubinden. – Von seinen weiteren Plänen wird die May Verehrer unter unseren Lesern wohl der eine am meisten interessiren, daß er »Winitou«, diesen effektvollen Reiseroman, dramatisiren und auf die Bühne bringen will. – Was das Exterieur Karl Mays betrifft, so ist er von mittelgroßer, kräftige Statur. Der nach unten spitz zulaufende Kopf zeigt eine breite, auf Willensstärke deutende Stirn. Als Kind war Karl May blind (!) und sehr schwächlich, vom 7. Jahre an begann die Konstitution sich zu kräftigen und das Augenleiden zu verschwinden.

Karl May an den Bayerischen Kurier, 7. Juli 1897

Karl May als Old Shatterhand
Karl May als Old Shatterhand (1896)

Hochgeehrter Herr!

Soeben kommt mir Ihr § Referat in die Hände. Um Mißverständnissen vorzubeugen, gestatte ich mir die Bitte um aufnahme folgender Bemerkungen in Ihr geschätztes Blatt:

Ich habe vor militairischen Autoritäten allerdings 100 Schüsse aus meinem Henry-Stutzen abgegeben, doch nicht in einer Minute. Ferner faßt mein Patronengürtel allerdings 1728 Patronen zu diesem Gewehr .. für monatelangen Gebrauch in der Wildniß; für Soldaten aber würde es unmöglich sein, einen solchen Vorrat mit sich zu führen.

Mit vorzüglichster Hochachtug
ergebenst Dr. Karl May

Bayerischer Kurier und Münchner Fremdenblatt, 10. Juli 1897

Bayerischer Kurier
Der konservativ-katholische ›Bayerische Kurier‹ erschien von 1856 bis 1934.

Nachträgliches über Karl May.

Nach etwa achttägigem Aufenthalte in München hat Dr. Karl May nunmehr unsere Stadt wieder verlassen, um sich über Regensburg in seine Heimat zurückzubegeben. Anfangs verweilte der berühmte Autor hier unerkannt und nahm verschiedene Sehenswürdigkeiten in Augenschein. Sobald er aber einmal »entdeckt« war, da war es um seine Ruhe und Freiheit geschehen. Schaarenweise drängten sich seine zahlreichen Freunde und Verehrer herbei, und namentlichch die Jugend zeigte eine unermüdliche Ausdauer, um einen Händedruck oder wenigstens einen Blick von dem Freunde Winnetous zu erhaschen. Im Speisesaal des Hotel Trefler hielt Dr. May mehrmals vor Hunderten von Zuhörern und Zuhörerinnen stundenlange Vorträge über seine Reisen und beantwortete Fragen, die aus dem Auditorium an ihn gerichtet wurden. Manche Verehrer des gefeierten Reisenden, die nicht Gelegenheit hatten, denselben in seinem Absteigequartier aufzusuchen, mag es vielleicht interessiren, Einzelheiten über einen Besuch zu erfahren, den ich Herrn Dr. May, seiner freundlichen Einladung Folge leistend, im Hotel Trefler abstattete. Dr. May zeigte mir zunächst seinen »Einlauf«, etwa ein halbes Hundert Briefe seiner Leser aus allen Richtungen der Windrose. Der eine bat um eine Photographie, der andere um eine Locke, der dritte um ein Autogramm u.s.w. Unter den Briefschreibern waren alle Stände vertreten. Hier gab ein Lateinschüler seiner glühenden Begeisterung Ausdruck, dort meldete ein Missionär, daß ihn auf seinen einsamen Reise nur die Bibel und »sein May« begleite, hier kam ein Anerkennungsschreiben aus einem Frauenkloster, dort eine Einladung zu einem Gutsbesitzer, der Vorträge zu hören wünschte, und die meisten dieser Schreiber wollten von dem Vielgeplagten auch eine Antwort erhalten. Nun erzählte mir Karl May manches aus seinem Leben, wie er so häufig in Lebensgefahr gewesen, wie ihn aber immer irgend ein geringfügiger Umstand oft in wunderbarer Weise gerettet habe.

Die von ihm geschilderten Personen haben alle wirklich existirt, und auch seine Abenteuer bezeichnete er keineswegs als Erfindung, wenn auch im Einzelnen manches habe anders gruppirt werden müssen, als es in Wirklichkeit geschah. Auf Amerika übergehend, das er schon mehr als zwanzigmal bereist habe, schilderte er mir vor allem den edlen Charakter seines unvergeßlichen Freundes Winnetou, der im September 1874 im Alter von 34 Jahren gestorben sei. Alle Westmänner, wie Old Firehand, Old Surehand, Sam Hawkens, Pitt Holbers, Dick Hammerdull, Emery Bothwell und wie sie alle heißen, seien jetzt »ausgelöscht«, und fast alle seien, wie Winnetou, eines gewaltsamen Todes gestorben, er selbst der Schar der »Westmänner« der Einzige Ueberlebende. Er habe sich, so oft er den Tod eines seiner Freunde erfahren, immer bemüht, ein Andenken von demselben zu erlangen, und habe dabei oft Monate lang in den »finsteren und blutigen Gründen« und in den wilden Felsengebirgen unter allerlei Gefahren nach Spuren von den Ermordeten suchen müssen. Die gefundenen traurigen Trophäen, wie »Liddy«, Sam Hawkens’ Büchse, bilden jetzt die Zier seines Arbeitszimmers. Der Goldreichthum in den Vereinigten Staaten sei noch ein unermeßlicher, aber die Fundorte würden von den Indianern auf das allersorgsamste geheimgehalten. Nur die Häuptlinge, die Medizinmänner und die allerhervorragendsten und verschwiegensten Krieger wüßten die Goldlager oder »Plazers«, und das Geheimniß derselben vererbe sich von den Vätern auf die Söhne. Eine Preisgabe dieser Schätze würde nach dem Glauben der Indianer unfehlbar den Fluch nach sich ziehen, d. h. das rücksichtsloseste Vordringen der habgierigen Weißen verursachen. Die Büffel seien ausgerottet, die Mustangsheerden dahin, über die einstigen Jagdgründe brause das Dampfroß und gehe der Pflug, in den Wälde klingen die Aexte der »Settlers«, und die Zeit sei nicht ferne, daß auch der letzte Rothe »ausgelöscht« sein werde.

Der Untergang der Indianer lasse sich nicht aufhalten. Man könne zwar bisweilen lesen, es sei eine langsame Zunahme der Indianer zu bemerken, allein derartige Berichte seien durchaus falsch und nur Interesse der Indianer Agenten geschrieben, die dadurch ih unheilvolle Thätigkeit zu verdecken trachten. – Im Herbste dieses Jahres gedenkt Karl May wieder die Atlantis zu durchqueren, um Winnetous einsames Grab zu besuchen, bei den Apachen einzukehren und sich in den Rocky Mountains einen Grizzly-Bären zu holen. Für das nächste Jahr ist eine Reise nach Bagdad geplant, und will »Kara Ben Nemsi« seinen einstigen Freund und Beschützer, den nunmehrigen Oberscheik der Haddedihn Schammar, den unvergleichlichen Hadschi Halef Omar und seine »Hanneh« besuchen.

Zum Abschied gab mir Dr. May ein Bild, unter das er sein Motto geschrieben hatte: »Das Leben ist ein Kampf, der Tod ist der Sieg. Ich lebe, um zu kämpfen, und ich sterbe, um zu siegen.«

Unterdessen hatte sich auf der Straße und dem Trottoir vor dem Hotel Trefler eine wohl hundertköpfige Schaar von Lateinschülern eingefunden und als Karl May auf den Balkon trat, da wurden Hüte und Tücher geschwenkt und man sah es den Jungen an, wie stolz sie darauf waren, vor »Old Shatterhand« stehen zu dürfen. Als aber in seinem Auftrag der Portier Visitenkarten vertheilte, auf die Karl May seinen Namen geschrieben hatte, da kannte die Freude seiner jugendlichen Verehrer keine Grenzen mehr. Mir aber, und wohl Allen, die in diesen Tagen mit Dr. May zusammentrafen, war es eine große Freude und wird es eine bleibende Erinnerung sein, den Mann, der die ganze Welt bereist hat, der über 1200 Sprachen und Dialekte versteht, den letzten Vertreter der Romantik des wilden Westens von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben.

Karl May an seinen Verleger Fehsenfeld, 27. Juli 1897

Friedrich Ernst Fehsenfeld
Friedrich Ernst Fehsenfeld (1853–1933) brachte ab 1892 Karl Mays Werke in Buchform heraus.

Lieber Herr Fehsenfeld!

Anbei Quittung, deshalb so verspätet, weil wir erst vorgestern nach Hause gekommen sind.

Das war eine schreckliche Reise! Ich bin halb todt. In Innsbruck war es die reine Rebellion, bin ausgerissen. Am Achensee beim Grafen Janoviĉ auch keine Ruhe; massenhaft Besuche; es war der ganze dort weilende Adel von nah und fern herbeige­trom­melt worden. Die Dampfschiffverwaltung stellte mir ein Extra­schiff zur Verfügung. Dann werden Sie die Münchner Blätter gelesen haben: »Karl May in München«: Erster Tag: über 900 Besuche, zweiter Tag über 600 dritter wieder über 800. Bin gegen Abend zur Seitenthür hinaus entflohen. Dann standen die Gymnasiasten, um Autogramms zu erjagen, in solchen Massen vor dem Hôtel Trefler, daß die Tramway nicht hindurchkonnte und der Portier sie mit dem Schlauch auseinanderspritzen mußte. Thatsache!!! In dieser Weise ging es überal[l], durch Bayern und Böhmen bis heim.

Später, wenn ich mich erst ausgeruht habe, mehr.

Herzl. Grüße von Haus zu Haus!
Ihr May.

Karl May an Emil Seyler, 12. August 1897

Emil Seyler
Emil Seyler (1845–1926) war ein enger Brieffreund Karl Mays.

Mein herzlieber Winnetou!

[…]

Als wir von Euch fort waren, war es uns, als hätten wir unser eigenes Heim verlassen. Von da an erging es mir noch viel schlimmer als vorher. In Stuttgart und Insbruck ließen mir die Leser keine Minute Ruhe. Am Schlimmsten aber war es dann in München, geradezu unglaublich! Am ersten Abend entdeckte mich ein dortiger Buchhändler im Hotel und ließ es ohne mein Wissen in die Zeitungen setzen, daß »May da sei«. Am anderen Mittag hatte ich schon über 600 Briefe und Karten mit Beuchsanmeldungen. Von Nachm. 2 bis Abends 1 Uhr gegen 900 Besuche, am nächsten Tage über 600, am folgenden über 800; dann riß ich aus. Während ich hunderte von Lesern (hohe Offiziere, Grafen, Barone mit ihren Squaws bis herunter zum Arbeiter) im Saale hatte, mußte ich alle zehn Minuten auf den Balcon treten, um mich der unten stehenden Menge zu zeigen und sie zu grüßen. Glaube mir, so unglaublich es ist, aber es wurde auch von den Zeitungen gebracht: Die kleinen Gymnasiasten pp standen so dicht vor dem Hotel, daß die Tramway nicht durchkonnte und es keine andere Hülfe gab, als per Wasserschlauch auseinanderzuspritzen. Die Zeitungen sagten, selbst der Prinzregent habe in München nie so ein Aufsehen erregt wie May. Ich bin halbtodt nach Hause gekommen und sogleich mit erdrückender Arbeit überschüttet worden. Aus den Augen kann ich sehen, ja, aber athmen kaum.

[…]

Dein alter
Charley.

Karl May an seinen Verleger Fehsenfeld, 22. September 1897

Friedrich Ernst Fehsenfeld
Friedrich Ernst Fehsenfeld (1853–1933) brachte ab 1892 Karl Mays Werke in Buchform heraus.

Lieber Herr Fehsenfeld!

[…] In München war es ganz toll. Ein Buchhändler ließ es in die Blätter setzen, daß ich da sei. Die Folge war 1ᵗᵉʳ Tag von Nachmittag 2 – Nachts 1 Uhr über 900 Besuche, 2ᵗᵉʳ Tag über 600, dritter Tag wieder ca. 900, außer den Klöstern und Gymnasien, wohin ich eingeladen wurde. Es war kein Platz mehr im Saale; auf der Straße standen die Leser zu hunderten; ich mußte alle 10 Minuten auf den Balkon, um die Leute wie ein König zu begrüßen. Endlich konnte keine Pferdebahn mehr durch; der Polizei achtete man nicht, so daß die Menge schließlich per Schlauch auseinandergespritzt werden mußte. Das ist keine Unwahrheit; ich kann Ihnen die Zeitungsberichte vorlegen, in denen dies erzählt und dann gesagt wird, daß kein König und kein Prinzregent in seiner Residenz München solches Aufsehen erregt habe wie dieser eine Privatmann Dr. May

[…]

Mit herzlichen Grüßen v. Haus zu Haus!
Ihr
stets ergebener
May.

Karl May an seinen Verleger Fehsenfeld, 19. Mai 1898

Friedrich Ernst Fehsenfeld
Friedrich Ernst Fehsenfeld (1853–1933) brachte ab 1892 Karl Mays Werke in Buchform heraus.

Lieber Freund!

Endlich erhalten Sie den Brief, endlich – weil ich nicht eher konnte. Bitte, lachen Sie nicht! Dafür hab ich heute umso mehr »Schreibpunkte«. Aber hübsch der Reihe nach!

Wien. Wollte drei Tage da sein; es wurden fünf Wochen. Audienzen am Kaiserhof, Dejeuners, Diners, Soupers bei Prinzen, Fürsten, Grafen, Marschällen etc. Tausende von Lesern kommen; fast täglich 2–3 lange Vorträge extemporiren; Leser bis 3 und 4 Uhr im Hôtel. Ueberanstrengt; 3 Wochen krank im Bette, aber auch da von der höchsten Aristokratie an meinem Lager besucht. Endlich ausgerissen!

München. Ganz ebenso. Kaum bin ich ins Hôtel getreten, so kommt der Adjutant, mich an den Könglichen Hof zu bitten. Großartige Audienz, mehrere Stunden lang; sämmtliche Mitglieder des Königshauses da. Alles liest May! Einladungen zum Diner beim Fürsten v. Oettingen, der Fürstin Metternich etc. May-Klubb, wieder tausende von Lesern etc. etc. nach 8 Tagen heimlich ausgerissen.

[…]

Nun aber Gruß, Kuß, Schluß, denn sonst Verdruß!
Ihr
May.

Aus Karl Mays Tagebuch der Orientreise (März 1899 bis Juli 1900)

29. Juli 1900. Nach München. Hotel Leinfelder. Nach Tische kam der Herzog Paul von Mecklenburg zu mir. Wohnte zufällig auch da.

30. Juli 1900. München. Bei Weigl gewesen. War verreist. Paul Mecklenburg kam mit seinem Bruder Borwin. Morgen 8,42 geht es heim. Mutters Geburtstag.

Ernst Weber, Karl May. Eine kritische Plauderei (1903)

Scan der Titelseite

»Karl May – Old Shatterhand – ist da!«

So las ich vor einigen Jahren unter den Annoncen der Münchener Neuesten Nachrichten und einige Zeilen tiefer, daß ihn Freunde und Bewunderer nach vorheriger schriftlicher Anmeldung im Hotel Trefler sehen und sprechen könnten. […] Dort im Treflerschen Hotel wies man uns in den kleinen Saal des ersten Stockes, und da fanden wir ihn, den vielbesungenen Helden seiner eigenen Romane, Karl May, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi Effendi – oder wie ihn sonst noch der wilde Westen oder die Blumensprache des Orients benamsen mochte – da stand er nun leibhaftig vor uns, umringt von einer mehr als hunderköpfigen Jungenschar, vom kleinsten, nur wenig über einen Meter hohen Lateiner bis zum langaufgeschossenen Primaner mit dem ersten Flaum auf der Oberlippe. Das wogte hin und her, das lachte und scherzte, um plötzlich zu verstummen, wenn der kleine, untersetzte Mann […] das Wort ergriff und mit lebhaften Gestikulationen und krampfhaften Verzerrungen der Gesichtsmuskeln erzählte von gräßlichen Abenteuern mit dem Löwen der afrikanischen Wüste oder mit dem furchtbaren Grisly Nordamerikas. […]

Wir hörten ihm eine Weile zu und schoben uns langsam näher. Mein Freund übernahm die Vorstellung. Mit größter Liebenswürdigkeit begrüßte uns der Gefeierte, dem wir bereits aus unsern Karten bekannt waren, und auf die ihm umdrängende Schar weisend, fügte er hinzu: »Sie sehen, meine Herren, jetzt können wir kein vernünftiges Wort miteinander reden; doch wenn Sie Lust haben, wird es mir ein Vergnügen sein, mit Ihnen heute Abend ein Glas Bier zu trinken.« »Sehr erfreut! – Besten Dank!« Die Hand des schlaggewaltigen Mannes lag in der meinen. Ich war abermals enttäuscht – war das die »alte Schmetterfaust«? Ich trage Handschuhnummer 7½, und sie verschwand zwischen meinen Fingern wie eine Frauenhand. […]

Und der ersehnte Abend kam, und wieder zogen zwei Wanderer des Wegs und bogen in die Sonnenstraße, und mit gespannter Erwartung der Dinge harrend, die da kommen sollten, stiegen sie die teppichbelegte Treppe hinan. Wir hatte es günstig erwischt. Wohl war der Saal auch diesmal wieder fast gefüllt, aber wir erhielten zwei Sitze, die man uns mit größter Liebenswürdigkeit frei gehalten hatte, vis-à-vis dem Mittelstück der hufeisenförmig gestellten Tafel, und hatten so die beste Gelegenheit, die Persönlichkeit des berühmten Reisenden aus nächster Nähe studieren zu können. Es war eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, die sich eingefunden hatte, Leute aus allen Berufsklassen: Offiziere und Arbeiter, Kaufleute und Literaten, Geistliche und Lehrer, Herren vom Forstwesen. […]

Karl May behandelte die Erschienenen mit größter Liebenswürdigkeit, gleichsam wie Glieder einer großen Familie. »Ein Schriftsteller kennt keine Geheimnisse vor seinen Lesern, er gehört zu ihnen und sie zu ihm – wie der Vater zu seinen Kindern.«

Und in der Tat: Old Shatterhand hielt mit nichts zurück, sondern erzählte uns von allem Möglichen und zwar im buntesten Wechsel, von einem Gebiet ins andere überspringend, ohne daß es mir gelungen wäre, irgendwelche Associationspunkte zu entdecken, von den intimsten Dingen, die ihm persönlich Seele und Leib berührten, von seiner Brautwerbung, wie von seinen Mahlzeiten, von erlebten Gefahren und Abenteuern […].

Der Mann schien mir zuerst ein psychologisches Rätsel. Dann nach etwa zwei Stunden stieg ich auf – mein Freund lachte und sprach etwas von »Blauwerden« – ich aber ging, ärgerlich über den Mann, den ich nun endlich persönlich kennen gelernt hatte, und noch ärgerlicher über mich selbst, den die Mayschen Schriften so lange fesseln konnten. Und ich begann ernstlich über den »Schriftsteller« nachzudenken, nachdem ich von dem »Menschen«, den ich so lang bewundert hatte, so bitter enttäuscht gehen mußte. […]

Max Casella, Dem Freund meiner Jugend (Karl-May-Jahrbuch 1921)

Titel Karl May Jahrbuch 1921
Die Karl-May-Jahrbücher erschienen von 1918 bis 1935 im Karl-May-Verlag.

Bei der Gelegenheit fällt mir eine persönliche Begegnung mit Karl May ein, die ich am 5. Juli 1897 (in meiner Jugendzeit) im Hotel Trefler in München hatte: er war hier, nach Ankündigung in einer Tageszeitung, für seine Leser auf der Durchreise zu sprechen. Ich führte damals ein Tagebuch (Jugenderscheinung!) und nach den noch am gleichen Abend gemachten Einträgen verlief die dieser Unterredung folgendermaßen: Eine Menge von Leuten, besonders ganz junge Schüler, waren erschienen, allesn stand er Rede und Antwort. Er erzählte zwischenhinein von seinen Reisen und behauptete, nun zum 22. mal nach Amerika zu gehen. Ich fragte ihn, weil mich das damals erklärlicherweise am meisten bewegte, ob seine Schilderungen auch alle wahr seien! Er erwiderte, jedes Erlebnis, jede Gefahr entspräche der Wahrheit, nur wie der Maler den Pinsel brauche, ihn in die Farbe tauche usw., so verfahre auch er. Er wolle nicht dürr und trocken, brockenweise erzählen, darum verwebe er manchmal zeitlich nicht zusammenfallende Erlebnisse und knüpfe sie frei aneinander. So seine Worte. Er kehre nun wieder zu den Apatchen zurück und dort könne er 35000 Mann befehligen an Stelle Winnetous, wenn er hinüberkomme. Als Todestag Winnetous, des »Vorbild seiner Nation«, nannte er den 2. September 1874! Bei den Indianern könne man übrigens die »köstlichsten« Anekdoten schöpfen. –

Er wolle noch das Buch »Marah Durimeh« schreibe, dann dürfe seine letzte Stunde getrost kommen. Sein Ehrgeiz sei dahin gegangen, sich eine Million Leser zu erwarben, nun habe er deren schon zwei!

Er sei u.a. auch in Mekka gewesen (wohl kurz vorher), und damit man nicht glaube, er habe »Schwindel gemacht«, habe er sich erlaubt, einige Photographien von dort mitzubringen. (Er sprach dann noch einiges über Arabien, die Türkei, über Armenien, über die Zukunftsfrage der roten Nation usw.) Und wir jungen Leute gingen sehr zufrieden nach Hause!